Weiterentwicklung des Konzepts jahrgangsübergreifender Klassen in Parallelität zu jahrgangsgebundenen Klassen. (Herbst 2006)

 

 

Seit dem Schuljahr 2002/2003 haben wir jahrgangsübergreifende Klassen und jahrgangsgebundene Klassen in unserer Schule. Bei der Bildung der ersten jahrgangsübergreifenden Lerngruppe hatten wir als langfristiges Ziel den Umbau aller Lerngruppen in jahrgangsübergreifende im Sinn.

Nachdem wir vielfältige Erfahrungen sammeln konnten und auch die Zusammenarbeit innerhalb des Kollegiums durch diese Erfahrungen einen Wandel erfahren hat, möchten wir zum jetzigen Zeitpunkt unsere damalige Zielsetzung neu formulieren.

 

Wir werden von Eltern und Kollegen anderer Schulen immer wieder gefragt, was denn nun besser sei, jahrgangsübergreifender Unterricht oder jahrgangsgebundener Unterricht. Diese Frage können wir nach vierjähriger Erfahrung  ziemlich eindeutig beantworten.

 

Keine Organisationsform ist der anderen überlegen. Jede Form hat ihre Stärken und Schwächen und nicht jede Organisationsform ist gleich gut für jede Persönlichkeit. Das betrifft sowohl Lernende als auch Lehrende.

 

Es gibt Kinder, die eine sichere, vorgegebene Bahn beim Lernen brauchen. Selbständige Entscheidungen was, wann auf welchem Weg gelernt werden kann und soll, versetzen diese Kinder in Erstarrung. Die Kinder sind verunsichert, können keine Entscheidungen treffen und lernen im Ergebnis unter ihrem Lernvermögen. Auch die Tatsache, dass der Nachbar anderes bzw. auf anderem Weg lernt, verunsichert und endet mit dem gleichen unbefriedigendem Ergebnis. Kinder können hinter ihren Fähigkeiten zurückbleiben.

Der jahrgangsübergreifende Unterricht erwartet  und verlangt aber von den Kindern in weiten Teilen genau diese Selbständigkeit und eine gewisse Sicherheit und Vertrauen in die eigene Entscheidungskompetenz. Kinder, die erfolgreich im jahrgangsübergreifenden Unterricht mitarbeiten wollen, brauchen Selbstsicherheit und Vertrauen in die eigenen Entscheidungen und Fähigkeiten.

 

Unsere Erfahrung in den vergangenen Jahren haben gezeigt, dass besonders die Kinder vom jahrgangsübergreifenden Unterricht profitieren, die eine große Selbstsicherheit und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten besitzen. Sie brauchen ein Ziel, dass sie sich teilweise auch selbst setzen können und geeignete Arbeitstechniken. Sie lernen sehr frei und erfolgreich und können ihre Fähigkeiten optimal nutzen.

Ein großer Teil der Kinder in jahrgangsübergreifenden Lerngruppen entwickelt im Laufe der Zeit dieses Vertrauen und die Sicherheit. Sie lernen dann ebenfalls unter optimaler Ausnutzung ihrer Fähigkeiten, wenn dieser Lernprozess nicht zu lange dauert.

 

Jahrgangsübergreifender Unterricht bedeutet aber für Kinder, denen das entsprechende Selbstvertrauen und Selbstsicherheit oder eine gewisse Arbeitsdisziplin fehlt, ein mehrjähriger Kampf mit den gestellten Anforderungen und führt zu Frustrationen bei allen Beteiligten. Diese Kinder blühen in eng geführten Unterrichtssituationen auf und entwickeln nur hier ihre Fähigkeiten optimal.

Diese Kinder sind viel besser in Jahrgangsklassen aufgehoben, deren Unterrichtsanteil an geführten Phasen viel höher ist, da die Fähigkeiten der Kinder hier nicht so breit gestreut sind wie in jahrgangsübergreifenden Lerngruppen.

 

Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, möglichst schon bei der Klassenbildung die Kinder heraus zu finden, die ihre Lernfähigkeiten optimal in einer Jahrgangsklasse oder optimal in einer jahrgangsübergreifenden Klasse entfalten können.

Der Großteil der Kinder kann mit beiden Organisationsformen die optimale Lernleistung entfalten.

 

Die Entscheidung die jahrgangsgebundene oder jahrgangsübergreifende Lernform zu bevorzugen, sollten Eltern sehr genau überdenken und vor allem mit den Erzieherinnen im Kindergarten besprechen, welchen Eindruck diese vom jeweiligen Kind gewonnen haben und ob es Gründe gibt, die eine oder andere Unterrichtsform für dieses individuelle Kind zu bevorzugen.

Bei der Anmeldung fragen wir bei den Eltern nach, welche Unterrichtsform bevorzugt wird.

Mit den Erzieherinnen besprechen wir den Wunsch der Eltern und klären, ob die gewünschte Unterrichtsform wirklich optimal ist oder wir die Eltern noch einmal beraten sollten.

 

Wir bemühen uns, die Wünsche der Eltern zu berücksichtigen. In den vergangenen 4 Jahren, mussten wir jedoch zweimal  Entscheidungen gegen den Wunsch der Eltern treffen. Das betraf in beiden Fällen die Wünsche nach jahrgangsübergreifendem Unterricht. Hier gab es mehr Elternwünsche als Plätze. Nur die Hälfte der Wünsche nach jahrgangsübergreifendem Unterricht konnte erfüllt werden

Bei den derzeitigen Anmeldezahlen kann nur ca. 1/3 der Kinder (max.15) in die jahrgangsübergreifende Klasse aufgenommen werden. Dabei berücksichtigen wir auch noch die anteilgleiche Verteilung von Jungen, Mädchen und Kindern mit Migrationshintergrund. Hierbei hat sich das Losverfahren, als das gerechteste Verfahren herausgestellt. (Kinder bei denen eindeutig der jahrgangsübergreifende/jahrgangsgebundene Unterricht eine optimale Ausnutzung der Leistungsfähigkeit fördert, nehmen am Losverfahren nicht teil! Sie werden vorab eingeteilt.

 

Sollten die Anmeldezahlen in den nächsten Jahren aufgrund der Bebauung Richtung Strückerberg oder einem veränderten Anmeldeverhalten der Eltern nach Aufhebung der Grundschulbezirke steigen, werden wir darüber entscheiden, ob die Hälfte eines Jahrgangs in jahrgangsübergreifenden Klassen unterrichtet werden kann. Voraussetzung dafür ist, dass die Anzahl der Schüler in der Eingangsstufe über 90 Schüler steigt und ausreichend Personal zur Verfügung steht, denn es werden dann zwei jahrgangsübergreifende Klassen und zwei Jahrgangsklassen in der Eingangsstufe (Klasse 1 und 2) gebildet.

 

 

Ebenso wie bei manchen Lernenden braucht es auch bei manchen Lehrenden bestimmte Voraussetzungen für eine optimale Entfaltung der Fähigkeiten im jahrgangsübergreifenden Unterricht. Diese Voraussetzungen sind bei beiden Gruppen fast identisch.

Lehrende im jahrgangsübergreifenden Unterricht brauchen ein unerschütterliches Vertrauen in die Lernkompetenz und Lerndisziplin der Kinder. Unterrichtsstunden oder auch Unterrichtstage ohne konkrete Arbeitsergebnisse der Kinder dürfen den Lehrenden nicht verunsichern, sondern sollten wahrgenommen werden als notwendiger Umweg auf dem Weg zum (Lern)ziel.

Der Unterrichtende ist auf dem Weg zum Kenntniserwerb seiner Schüler nicht mehr Führer, sondern Berater. Er vermittelt in der Regel kein Wissen, sondern vermittelt Lernwerkzeuge sowie Lern- und Arbeitstechniken. Er zeigt das Ziel und er zeigt die unterschiedlichen Lernwege auf. Er führt die Kinder nur noch selten. Er begleitet sie in der Regel auf ihren unterschiedlichen Wegen.

Viele Kinder auf unterschiedlichen Wegen zu unterschiedlichen Zielen zu begleiten bedeutet auch, dass wenig Zeit bleibt, die „Verunsicherten und Zaghaften“ zum Ziel zu führen. Deshalb (s.o.) sind diese Kinder besser in der Jahrgangsklasse aufgehoben.

 

Es gibt Lehrende, die große Sorge haben, dass bei dieser Art der Lernbegleitung, Kinder auf der Strecke bleiben könnten. (Diese Sorge ist nicht ganz unberechtigt, siehe Ausführungen oben)

Sie fühlen sich sicherer, wenn Sie die Kinder beim Lernen stärker führen und auf dem Weg zum Ziel auch die Etappenziele eindeutig vorgeben. Zur Sicherheit der Kinder werden auch weniger Lernwege freigegeben. Diese Art des Unterrichts schränkt manche Kreativität bei einzelnen Schülern ein, gibt aber eine große Sicherheit für die meisten Kinder und ermöglicht bei fast allen Kindern die Erzielung der optimalen Lernfortschritte.

Die Sicherheit des Lehrenden überträgt sich unbewusst immer auf die Kinder. Nur ein Lehrer/ eine Lehrerin, die sicher ist bei dem, was sie tut, kann den Kindern die notwendige Sicherheit geben. Deshalb sollte jeder Lehrer, unter Berücksichtigung der Richtlinien und Lehrpläne, seinen Unterricht so gestalten, dass er sich sicher fühlt. Nur in solch einem Unterricht erleben Kinder die für das Lernen notwendige Sicherheit. In der Regel bevorzugen solche Lehrer eher gebundene Unterrichtsformen, ohne offene Unterrichtsformen (Wochenplan, Projekte, Werkstattarbeit, Freie Arbeit) zu vernachlässigen

Aber auch bei diesem Unterricht, der eher dem Charakter des jahrgangsgebundenen Unterrichts entspricht, gibt es eine kleine Zahl von Schülern, die ihre Fähigkeiten nicht optimal entfalten können. Sie lernen besser im offeneren jahrgangsübergreifenden Unterricht.

 

Deshalb: Keine Organsiationsform ist der anderen grundsätzlich überlegen. Der Großteil der Schülerinnen und Schüler und der Großteil der Lehrerinnen und Lehrer kommt mit beiden Formen zurecht und nutzt in beiden ihre Fähigkeiten optimal. Aber es gibt sowohl bei den Lernenden als auch bei den Lehrenden einzelne, die in einer der beiden Organisationsformen ihre Fähigkeiten besser entfalten können als in der anderen. Deshalb sollte nicht die eine Organisationsform der anderen vorgezogen werden. Nur beide Organisationsformen in einem System ermöglichen es allen Beteiligten ihre optimalen Leistungen zu entfalten.

 

Diese Erkenntnis aus vierjähriger Erfahrung veranlasst uns, beide Organisationsformen in unserer Schule parallel anzubieten.

Diese Parallelität hat auch eine ganz neue Teamarbeit bei den Lehrern geschaffen.

Die jeweils parallel arbeitenden Klassen / Jahrgänge arbeiten viel enger und intensiver miteinander unabhängig von ihrer Organisationsform. In den Jahrgangsklassen ist die innere Differenzierung viel selbstverständlicher geworden als noch vor einigen Jahren. Schließlich planen und arbeiten immer zwei Jahrgänge miteinander. Die parallele Arbeit an Themen ermöglicht es, dass ein Kind in einzelnen Fächern auf dem Niveau unterschiedlicher Jahrgänge arbeiten kann.

Besonders unterstützt wird dieser Prozess auch durch die Stundenplanorganisation. Die Deutschstunden/SU-Stunden und die Mathestunden aller Klassen liegen parallel und ermöglichen es einzelnen Kindern durch äußere Differenzierung in einem Fach auf dem Niveau eines angrenzenden Jahrgangs zu lernen. Dabei sind die Jahrgangsgrenzen zwischen der Eingangsstufe und dem dritten Schuljahr ebenfalls durchlässig.

 

Die Befürchtung, die emotionale Stabilität könne, durch den Wechsel der Lerngruppe für einzelne Stunden, gefährdet werden, hat sich nicht bestätigt. Wir führen das vor allem auf die Größe (135 Kinder) unserer Schule zurück und die besondere Situation unseres Stadtteils zurück.

Die Kinder kennen sich untereinander über Klassen- und Jahrgangsgrenzen hinweg. Die Schule unternimmt viele gemeinsame Aktivitäten, um die Freundschaft unter den Kindern zu stärken. Der offene Unterricht über Klassen- und Jahrgangsgrenzen hinweg fördert die Kommunikation aller Kinder ebenso wie die Kultur der offenen Klassentüren.

Alle Lehrer kennen durch die intensive Zusammenarbeit fast alle Kinder mit Namen.

Alle Kinder haben bei mindestens zwei Lehrerinnen Unterricht, weil wir das „Nur-Klassenlehrerprinzip“ aus pädagogischen Gründen ablehnen.

All diese Begleitumstände ermöglichen das problemlose Wechseln der Lerngruppe in einzelnen Unterrichtsstunden.